Plasmapherese / Blutwäsche

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Die Plasmapherese ist eine technische Therapie bei schubförmigem Verlauf der MS. Man bezeichnet sie als Eskalationstherapie der MS im Schubfall. Generell kann man sagen, dass eine Eskalationstherapie nie das erste Mittel der Wahl bei einem Krankheitsschub ist.

Nur wenn die Folgen eines Schubes entsprechend einschneidend sind, kommt eine derartige Therapie in Betracht. Im konkreten Fall ist die Entscheidung gut mit dem behandelnden Neurologen zu besprechen. Bevor überhaupt über eine Plasmapherese nachgedacht werden sollte, gelangt zunächst Cortisonstoßtherapie zur Anwendung.

Ist diese erfolglos, bleibt als letztes Mittel die Plasmapherese. Bevor wir zu dem Verfahren kommen, möchten wir auf einen ganz wichtigen Aspekt der Blutwäsche hinweisen. Im Gegensatz zu den Eskalationstherapien, die den Gesamtverlauf der Erkrankung beeinflussen sollen, wird hier nur die Eskalation des Schubes gestoppt.


»Wie gut funktioniert das denn?«, fragt Ihr euch jetzt.


Unter denen, die für eine Behandlung in Frage kommen, ist die Erfolgsquote riesig! Prof. Dr. Gold von der medizinischen Fakultät der Ruhruniversität Bochum spricht von bis 70 %. Rof. Dr. Gold hat das Verfahren 2008 in Deutschland etabliert.


»Diejenigen die nicht in Frage kommen, wer sind denn die?«


Gute Frage! Es gibt, nein anders ... . Aufgrund von Vermutungen über den Ablauf und die Auslöser von Entzündungsherden im Gehirn, ist man auf Antikörper (Eiweiße) gekommen, die aus irgendeinem unbekannten Grund in unser Gehirn eindringen können. Eigentlich sollten sie esnicht können. Aber was heißt bei MS schon eigentlich. Vom Gehirn soll alles Schädliche ferngehalten werden, also hat unser Körper eine Art Schranke eingebaut, die jeden, aber wirklich jeden, daran hindert, in das Gehirn zu gelangen. Sie wird deshalb Blut-Hirn-Schranke genannt. Es handelt sich um einen Grenzübergang, der gesichert ist wie Fort Knox. Das Blut zirkuliert durch unseren gesamten Körper. Es gibt keinen Ort, an dem kein Blut ist. So wie uns das Blut mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, transportiert es blöderweise auch jeglichen anderen Müll durch unseren Körper. Deshalb haben wir eine ganze Armee unterschiedlicher treuer Soldaten, die Eindringlingen im Blutkreislauf den Garaus machen sollen.

Die besagten Antikörper sind dummerweise Doppelagenten, die nur in schlechten Hollywoodfilmen aufgedeckt werden. Lange Rede kurzer Sinn. Diese Doppelagenten erkennt man nur durch eine Hirnbiopsie. Das bedeutet also: Kopf aufbohren. Da unser Hausarzt nicht Dr. House ist, wird natürlich nicht sofort ein Loch in den Kopf gebohrt.


»Was bedeutet das nun für die Plasmapherese?«


Es bedeutet das, was die Medizin seit Jahrhunderten am besten kann: Try and Error. Man muss es halt ausprobieren! Wenn es wirkt, ist es gut, wenn es gar nichts bringt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man nicht der richtige Subtyp ist, bei dem die Eiweiße verrücktspielen. Aber diese Antikörper sollen es geschafft haben, einen Weg hinein in unser Gehirn zu finden. Sie lieben unser Myelin und fressen sich daran dick und rund. Es wurden vier Subtypen bestimmt. Wahrscheinlich, weil MS noch nicht vielfältig genug ist.

Wir finden, dass es wichtig ist zu wissen, was die Medizin gerade mal wieder so ausgeheckt hat. Sicher ist es wichtig für die Diagnose. Uns verwirrt es leider nur.

Eines noch, bevor wir das Verfahren erklären. Blutwäsche ist sehr teuer. Man muss kein Prophet sein, um zu dem Schluss zu kommen, dass diese Therapie die Kassen finanziell sehr hoch belastet. Lassen wir es einfach so stehen.

Plasmapheresegerät

Nun geht es ans Eingemachte. Die Plasmapherese wird (oder sollte) nur in Zentren mit erfahren Nephrologen - so heißen die Ärzte, die mit Dialyse bei Nierenerkrankungen zu tun haben - durchgeführt werden. Dort sollten die Maschinen auf neuestem Stand sein, da die Technik ein entscheidender Faktor bei diesem Verfahren ist.

Zuerst werden die Gerinnungsfaktoren des Blutes getestet. Das ist wichtig, wenn man ein relativ großes Loch in die Vene gebohrt bekommt.

Blausen_0181_Catheter_CentralVenousAccessDevice_NonTunneled

Das nächste Zauberwort ist »Zentraler Venen Katheter« kurz ZVK. Wir beschränken


uns hier auf den am häufigsten benutzten Zugang über die rechte Halsvene. Dort kann beim Legen des ZVK am wenigsten verletzt werden und es ist ein fester Sitz gewährleistet, der für den Betroffenen nicht groß hinderlich ist. Es gibt natürlich unterschiedliche ZVK, die alle interessante Namen haben und es würde zu weit führen, die Vor- und Nachteile der einzelnen Modelle zu besprechen.

Wenn der Katheter gelegt wird, gibt es eine kleine lokale Betäubung und man bekommt ein steriles weißes Laken über den Kopf gelegt. Vorsicht ist nur bei Menschen mit extremer Platzangst geboten. Aber dann lässt man sich vorher einfach eine „Scheißegalpille“ unter die Zunge schieben und schon ist alles gut.

Wenn der Katheter sitzt, drückt er etwas auf die Halsmuskulatur. Daran muss man sich erst gewöhnen, genauso wie an das Schlafen in der ersten Nacht mit Katheter.Wahrscheinlich ist eher, dass der Schlaf gänzlich ausfallen wird. In derzweiten Nacht geht aber schon viel besser. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier. Eine schlaflose Nacht ist kein allzu großes Opfer für eine möglicherweise sehr effektive Therapie.

Zum Schluss wird der Katheter noch mit dem Hals vernäht, damit er bombenfest sitzt. Ein Pflaster drüber und fertig. Alles schmerzfrei, vom Druck auf den Hals einmal abgesehen.

Neue Maschinen schaffen einen Blutwäschedurchgang innerhalb von 1,5 Stunden. Jeder verträgt die Prozedur etwas anders, aber generell sind keine großartigen Nebenwirkungen zu erwarten. Natürlich ist es kein Kinderspiel, das gesamte Blut raus und wieder rein zu bugsieren. Deshalb erfolgt die Prozedur imLiegen. Man wird samt Bett durch die Gegend geschoben und muss nix machen. Ist auch mal ganz schön.

Viele Behandelte merken nach der ersten Behandlung schon einen Aufwärtstrend. Der nächste Tag ist Ruhetag und so wechseln sich Behandlungs- und Ruhephasen bis zu sechsmal ab.

Das Risiko ist wie bei allen invasiven (in den Körper eindringen) Methoden mit der Gefahr von Infektionen behaftet. Zudem besteht ein Thromboserisiko. Um eine Thrombose zu verhindern, werden sogenannte Locklösungen für den Katheter gespritzt. Das Restblut im Katheter darf nicht gerinnen, damit sich kein Blutgerinnsel bilden kann. Das verhindern Locklösungen wie Heparin oder Heparinmischungen. Heparin verdünnt zwar das Blut, tut aber nichts gegen die Infektionsgefahr, weshalb wohl neuerdings Mischungen verwendet werden, die Blutgerinnung und Infektionsgefahr sicher bremsen.


Und sonst?


Nichts! Na ja. Nicht jeder verträgt die Prozedur gleich gut. Auch hier gilt: »Versuch macht ‚kluch‘.«

Nun zum Schluss ein Punkt, über den wir uns als Betroffene Gedanken machen sollten. Plasmapherese ist ein rein technisches, mechanisches Verfahren! Es hat gewisse kalkulierbare Risiken, wie jeder Eingriff. Die Therapie greift aber nicht dauerhaft in unseren Körper ein. Wer schon gewisse Therapien genossen hat, ist womöglich begeistert, dass ihn Mücken nie wieder stechen. Das hat aber einen Grund. Die Mücken mögen uns schon vom Geruch her nicht mehr. Wir sind giftig! Punkt!

Eine Blutwäsche macht nichts dauerhaft Veränderndes mit uns. Allerdings kann man Blutwäsche sicher auch nicht andauernd machen, da die Venen dann durch den Eingriff verhärten. Und noch mal: Jeder Eingriff birgt Risiken!

Es sterben jedes Jahr sehr viele Menschen in Krankenhäusern an Infektionen, an Lungenentzündungen und an den Folgen der zerstörerischen Wirkung von multiresistenten Keimen. Die Medizin hat Bedeutendes geleistet. Manchmal mangelt es aber einfach an Hygiene! Händewaschen also nicht vergessen!


Tipps

  • Bei bestimmten Subtypen funktioniert Plasmapherese sehr gut!
  • Mit dem Neurologen des Vertrauens sprechen.
  • Man kann sich durchaus in einem Dialysezentrum erkundigen!
  • Bei Augenproblemen scheint die Plasmapherese besonders wirksam zu sein!
  • Plasmapherese ist kein Mittel der ersten Wahl.
  • Wer Kortison nicht verträgt, sollte sich kundig machen.
  • Das Verfahren wird seit vielen Jahren sicher angewendet beischubförmigen Verläufen
  • Es könnte auch finanzielle Gründe geben, warum Plasmapherese zögerlich eingesetzt wird.